Hi-Ha-Heterror. Eine Regenbogenfamilie auf Reisen.

„Baaadeanzug“, schreit meine Tochter, als ich sie frage, was wir denn für den bevorstehenden Urlaub alles brauchen. Schnell rennt sie in ihr Zimmer, reißt die entsprechende Schublade ihrer Kommode auf und kommt mit Badeanzug, Gummiente und triumphierender Geste zurück ins Wohnzimmer. Rosa ist drei und freut sich riesig auf Strand, Meer und – andere Kinder. Mama und Mami (so nennt Rosa ihre Eltern) freuen sich auch riesig auf…Strand, Meer und – andere Kinder. Denn nur wenn Kinder ein paar SpielfreundInnen haben, kann es im Urlaub für Eltern zu etwas Ähnlichem wie Erholung kommen. Noch besser: Am Urlaubsort gibt es eine Kinderbetreuung!

Aber der Reihe nach. Mit Wunschkind Rosa läuft eigentlich alles prima. Die abgrundtiefe Erschöpfung, die unterbrochenen Nächte, die winterliche Fünfmonatsbronchitis (das ist eine Bronchitis, die sich über fünf Monate hinzieht) – alles ganz normale Stationen für eine junge Familie, ob sie nun traditionell, lesbisch oder schwul lebt. Und dann kommen zum Glück irgendwann die „schönsten Wochen des Jahres“: Urlaub! Erholung! Entlastung! Aber wie kriegen Eltern Erholung und Entlastung, wenn sie ihre Hauptbeschäftigung (jenseits des Broterwerbs) mitnehmen? Vielleicht gibt es ja eine Oma, die einspringt. Nun, bei uns leider nicht. So helfen nur kommerzielle Angebote. Aber ist das unsere Welt? Den ganzen Tag Kinderanimation mit Hüpfburg, Fastfood, Piraten- und Prinzessinnenkostümen? Und das für unsere Rosa, die im Waldorf-Kindergarten Bio-Essen bekommt, mit „Naturmaterialien“ spielt und weder TV noch DVDs kennt?

Aber so ein bisschen Erwachsenenzeit tagsüber wäre im Urlaub schon toll. Mittagschlaf! Elterngespräche im Wachzustand! Gemeinsam schweigen! Also gut, ein Katalog muss her. Da gibt es das Weingut am Mittelmeer („inmitten schattenspendender Zypressen steht die große Tafel, an der acht Familien gemeinsam das von unserer Köchin liebevoll zubereitete Abendessen einnehmen“), das Naturhotel im Allgäu („unser kleiner Streichelzoo begeistert Kinder jeden Alters“) und das Feriendorf in Dänemark („jede Familie wohnt in einem Holzhäuschen, 50m vom Strand entfernt“). Und zu jeder Unterkunft gibt es ein passendes Kinderprogramm. Schon habe ich angebissen und blättere in mehreren Hochglanzkatalogen. Die Kinderbetreuung klingt beruhigend: Pädagogisch ausgebildete Fachkräfte betreuen die Kleinen zwischen 15 und 30 Stunden die Woche („die liebevolle Betreuung, das kindersichere Gelände und der umzäunte Poolbereich geben Eltern ein Gefühl von völliger Entspannung“).

Nach umfassender Sondierung des Marktes sind wir so weit: Wir entscheiden uns für Dänemark.

Eine Woche später bekommen wir die Buchungsbestätigung. Neben den üblichen Unterlagen flattert uns ein bunt gestaltetes Blatt ins Haus, auf dem bereits die Namen und das Alter der anderen Kinder stehen. Bei Durchsicht der Namen können wir uns ein Kichern nicht verkneifen. Die Kinder heißen exakt so wie Rosas KindergartenfreundInnen: Da gibt es einen Luis und eine Emilia, eine Celine und natürlich Paul, Lukas, Moritz und Lea. Und fast alle sind zwischen drei und sieben. Na, da kann ja nichts mehr schief gehen.

Vier Wochen später geht die Reise schließlich los. Im Bus, der uns vom Flughafen zu unserem Holzhäuschen bringt, sitzen noch zwei andere Elternpaare, von denen sich die Mütter jeweils intensiv mit ihren quengelnden Kindern beschäftigen, während die Väter ihre Digitalkameras vergleichen. Rosa rutscht von meinem Schoß herunter und pirscht sich an einen kleinen Jungen heran. Kurz darauf sind beide Kinder in ein Spiel vertieft und meine Liebste und ich kuscheln uns aneinander, während der Bus an einer wunderschönen Dünenlandschaft vorbeifährt.

Zwei Stunden später sind wir in unserem Häuschen fertig eingerichtet. Wir gehen vor unser kleines Domizil: Sonnenuntergang, Strand und Meer, so haben wir’s uns vorgestellt. Wunderbar!

Am nächsten Tag gibt es eine Begrüßungsrunde. Die Kinderbetreuerin stellt sich vor: Melanie, Studentin der Pädagogik und schon in der fünften Saison dabei. Klingt beruhigend. Doro, die zweite Betreuerin sieht noch sehr jung aus und schweigt. Wir sagen unsere üblichen Familienerklärungsworte („Rosa hat zwei Mütter, d.h. wir sind ein Paar und Rosa ist unser gemeinsames Kind“) und Melanie rutscht ein „Cool“ heraus. Die anderen Eltern sind noch schüchtern und dementsprechend wortkarg. Kinder rennen durcheinander und werden von ihren Müttern gemaßregelt. Die beiden Digitalkamera-Männer unterhalten sich leise. Außer Melanie traut sich niemand an uns heran. Wir stehen herum.

Am Nachmittag geht Rosa zum ersten Mal in das Kinderhaus, ein Bauwagen, der mitten im großen Gelände steht. Melanie hat eine Schatzsuche vorbereitet und schon rennen die Kinder los. Als wir Rosa drei Stunden später wieder abholen, fragt sie uns, ob sie morgen wieder zu Melanie darf. Volltreffer!

Am Abend sitzen wir mit einigen anderen Eltern im Restaurant. Die Atmosphäre ist etwas angespannt. „Wer von Ihnen ist denn nun die Mutter?“ Ich weiß nicht, wie oft wir diese Frage schon gehört haben. Sie nervt jedes Mal. „Sie meinen, welche von uns Rosa geboren hat?“ Nachdem dieses Rätsel gelöst ist, werden wir komplett ignoriert. Wir leeren unsere Teller und gehen. Fremdheitsgefühle säumen unseren kleinen Nachhausespaziergang.

Am nächsten Tag erzählt uns Melanie, dass Petra, Steuerberaterin aus Castrop-Rauxel, wissen wollte, wie Rosa denn entstanden sei. Ob sie da nicht was wisse. Wir empfehlen Melanie, Petra doch zu uns zu schicken. Schließlich sind wir daran gewöhnt, uns und unsere Familie ständig zu erklären. Doch Petra spricht uns nicht an. Schade eigentlich.

Am übernächsten Tag treffen wir Petra, ihren Mann und Tochter Lea im Supermarkt. Die Mädels rennen die Gänge entlang. Petra zieht ihren Mann weiter. „Ich finde das nicht gut, so ohne Mann“, hören wir sie sagen. Es bleibt unklar, was sie damit sagen möchte, aber von nun an ist Petra unsere Lieblingsfeindin – bis zum Ende unseres Aufenthalts.

Wir liegen in den Dünen, keine Feinde in Sicht. Da kommen „die Bunten“, eine Familie, die wir so getauft haben, weil sie sich rein optisch aus der farblosen Masse der Papa-geht-arbeiten-Mama-höchstens-halbtags-Familien etwas abheben. „Wollen wir was trinken gehen?“, fragen uns Hans und Lotta und wir machen uns auf den Weg ins Strandcafé. Aus Lottas Tasche lugt eine ZEIT hervor. Sohn Paul (1) sitzt bei Hans auf dem Schoß und nach einem Aperitif wissen wir die wichtigsten Dinge voneinander. Lotta und Hans haben keine Berührungsängste. Ein paar interessierte Fragen zu unserer Familie, das war’s. Angenehme Selbstverständlichkeit. Wir hecheln mit Hans und Lotta die anderen Familien durch und genießen die gemeinsamen Feindbilder. Den Rest des Urlaubs machen wir öfters etwas gemeinsam. Der Urlaub wurde dann doch noch richtig schön. Rosa fand alles prima, wir hatten tatsächlich unseren täglichen Mittagschlaf. Und ab und zu eine Prise Homophobie. Die bleibt wohl nicht aus, wenn lesbische Familien Urlaub machen.

Trotzdem: Wir fahren wieder. Das nächste Mal ist wahrscheinlich der Streichelzoo im Allgäu dran. Von Petra haben wir uns besonders herzlich verabschiedet. Wir wissen schließlich, was sich gehört.

 

Diesen Text habe ich vor sechs oder sieben Jahren geschrieben. Die Stiefkindadoption war gerade frisch erkämpft, die Bamberger Studie (in der Regenbogenfamilienkindern gutes Gedeihen in ihren Familien attestiert wurde) noch Ursuppe und von Selbstverständlichkeit konnte keine Rede sein. Und heute – hat sich nun seither was verändert oder nicht?

Klar hat sich was verändert. Der lesbische Babyboom hält an. Viele Jugendämter haben schon etwas von der Stiefkindadoption gehört oder auch schon mal eine abgewickelt. Und dennoch: Diese Urlaubsgeschichte ist kein Schnee von gestern, die Petras gibt es immer noch, ob in Castrop-Rauxel oder Berlin. Aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass sich ein Wandel vollzieht.

Rosa ist mittlerweile zehn und eine Gymnasiastin. Beim Elternfrühstück in der Schule: Wir schafften vier Coming outs. Zwei Mütter erzählten uns, dass sie jeweils noch eine andere lesbische Familie kennen – Rekord, würde ich sagen!

Fremdheitsgefühle bleiben dennoch. Die Schule nimmt einen sehr großen Raum im Familienleben ein. Es wäre schön, dieser Kosmos wäre irgendwann ein bisschen regenbogenbunter. Noch ist Rosa das einzige Regenbogenfamilienkind (an einer Schule mit 800 SchülerInnen) – es hat sich eben noch niemand geoutet.

 

 

 

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