Drohkulisse

Die aktuelle Diskussion wird derart geführt, als ob eine riesige Bedrohung im Raum stünde. Vor einigen Jahren war es der Untergang des Abendlandes, jetzt geht es eher um die Angst, dass die Heteras und -os keine Kinder mehr bekommen, sollten keine rechtlichen Unterschiede mehr zwischen „denen“ und „uns“ bestehen. Diese Merkwürdigkeiten lenken doch nur von der tatsächlichen Bedrohung ab, um die es hier geht.
Oberflächlich gesehen leben wir in einer Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern weitgehend erreicht ist und beide Geschlechter einen gewissen Identitäts- und Handlungsspielraum haben. Dass in der Mainstreamkultur- und politik trotzdem nach wie vor strenge und einengende Konzepte von Weiblichkeit und Männlichkeit transportiert werden und dahinter immer die Fragen lauern „Was ist eine richtige Frau?“ und besonders „Was ist ein richtiger Mann?“, wird gesamtgesellschaftlich kaum diskutiert.
Warum outet sich kein schwuler Fußballspieler aus der Bundesliga? Weil er damit seine Karriere riskiert. Er opfert mit einem Coming-out seine männliche Identität, die ihm in Form von Heteroidentität aufgezwungen wird. Was bleibt dann da an Identität noch übrig? Schwulsein wird stets mit einer Verweiblichung gleichgesetzt, die es einzudämmen gilt, wo es nur geht. Der Frauenhass und die Homophobie, sie gehören untrennbar zusammen.
Homophobie  wurzelt in der Angst, selbst so nicht richtig zu sein, wie man ist. Kein Wunder, dass die meisten homophoben Gewalttaten von jungen Männern begangen werden, die einerseits enorm unter Druck stehen, einem bestimmten Männlichkeitsbild zu entsprechen und sich andererseits noch auf der Suche nach ihrer sexuellen Identität befinden. Wer in einer streng hierarchischen und patriarchalen Gruppe möglicherweise schwul ist, muss diese Gefühle erst einmal unterdrücken oder bekämpfen. Der unmenschliche Druck wird einfach weitergegeben. Wer in sich selbst zuhause ist, muss keine „Homos klatschen“.
Und was ist mit den jungen homophoben Frauen? Tja, die sind auch auf der Suche und stehen unter Druck. Was muss eine junge, gebildete Frau, wie beispielsweise die CDU-Staatssekretärin Katharina Reiche, für Ängste haben, wenn sie antiquierten Positionen von sich gibt, die lächerlich erscheinen („Nur Mann und Frau können dafür sorgen, dass Deutschland nicht ausstirbt“). Oder vertritt sie diese Positionen nur, um innerhalb ihrer Partei weiter Karriere machen zu können?

Fassen wir doch mal zusammen: Es gibt an unseren Macht- und Schaltzentralen Menschen, die sich von Minderheiten bedroht fühlen und ihre Angst nur dadurch in den Griff bekommen, dass sie genau diesen Minderheiten, von denen sie sich vielleicht sogar angezogen fühlen, gleiche Rechte verwehren müssen. Es geht immer um die Macht, auch um die Definitionsmacht über RICHTIG und FALSCH, über GUT und BÖSE. Machtstreben zur Angstbekämpfung.

Lesben und Schwule haben das Potenzial, anders zu leben. Viele, nicht alle, nehmen sich einfach das Recht, einengende Rollenvorgaben abzuschütteln. Regenbogenfamilien sind der alltägliche Beweis dafür – sie leben ihren Familienalltag meist jenseits von stereotypen Geschlechterklischees. Aufgaben werden verhandelt, qua Bedürfnis, Fähigkeit und Notwendigkeit. Das Allerschönste daran ist: Frauen können auch Väter sein und Männer Mütter – eine Alternative zum alltäglichen Konstrukt von Heterosexismus. Und das macht manchen Menschen da draußen wirklich Angst.

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