Ab 1.8.203: Rechtsanspruch auf Krippenplatz

Am 1. August 2013 ist es so weit: Wenn Eltern für ihr Kind keinen Platz in der Kita bekommen, können sie klagen, denn ab 1. August tritt der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für unter Dreijährige in Kraft. Vollmundig verkündet dieser Tage unsere Familienministerin Kristina Schröder, dass 813.000 Plätze vorhanden seien, genug also, um rein rechnerisch alle zu versorgen, die einen Platz brauchen.

Jetzt gibt es da bloß mehrere klitzekleine Problemchen.
Zum einen gibt es Landstriche, die überversorgt sind – im Gegenzug fehlen Krippenplätze in den Großstädten, in denen erfahrungsgemäß das Leben teurer ist und deshalb beide Eltern möglicherweise mehr und länger arbeiten müssen, als sie eigentlich wollen.
Wenn wir uns die Instrumente ansehen, mit denen die Regierung Familienpolitik betreibt, dann werden aus Problemchen schnell größere Probleme. Wir müssen uns fragen, worauf die unterstützenden Maßnahmen für Familien denn eigentlich abzielen. Krippenplätze und Rechtsanspruch sollen doch junge Mütter ermuntern, möglichst keine großen Unterbrechungen in ihrer Erwerbsbiografie zuzulassen, sondern mutig Karrierepläne zu entwickeln.

Und was gibt es ab 1. August 2013 für all diejenigen, die nach dem Elterngeldbezug ihr Kind weiterhin zuhause betreuen wollen? Das Betreuungsgeld – eine Zahlung, die die CSU trotz vehementer Proteste aus allen Lagern durchdrückte, und die sie als Bonbon von Merkel schließlich bekam. Aber wofür soll das Betreuungsgeld gut sein? Wer sein Kind selbst betreuen will, tut das, ob es dafür nun 100 Euro pro Monat gibt oder nicht. Für die 100 Euro können Kinderbücher angeschafft werden, ein Bügeleisen oder ein Computer. Und dafür verpflichten sich die Eltern, ihr Kind nicht in einer pädagogischen Einrichtung betreuen zu lassen – was ist das bloß für ein rückwärtsgewandtes Konstrukt?

Die Soziologin Jutta Allmendinger legte in einem großen Interview in der SZ vom 13./14. Juli 2013 dar, warum es ihrer Meinung nach wichtig ist, für die Kleinen mehr Augenmerk auf eine frühzeitige Förderung zu legen. „Wir wissen, wie entscheidend die ersten Jahre sind:  für die kognitiven, sozialen und emotionalen Kompetenzen eines Kindes, für das Selbtswertgefühl und die Achtung anderer. Die frühe Förderung fällt mehr ins Gewicht als eine gute Schule, als eine gute Ausbildung – in der frühen Erziehung werden die Grundlagen für das ganze Leben gelegt. Wir müssen auch sehen, dass die meisten Kinder heute nur noch wenige Geschwister haben und ihre Eltern meist älter als früher sind.“
Das sind ganz entscheidende Botschaften von der renommierten Fachfrau, die als eine der führenden Soziologinnen unseres Landes gilt.

Nun sind aber, um die 813.000 Betreuungsplätze bis 1. August 2013 vorweisen zu können, die Qualitätsanforderungen an eine Einrichtung gesenkt, die Betreuungsschlüssel verändert worden und überhaupt gilt die lange Ausbildung der Erzieher_innen nicht per se als Garantie dafür, dass eine pädagogische Fachkraft tatsächlich kompetent und einfühlsam diesen hohen Anspruch, von dem Frau Allmendinger spricht, auch einlösen kann. Denn dazu müssen die Bedingungen dergestalt sein, dass  z.B. genug qualifizierte Kräfte für die Kinder da sind und ausreichend Räumlichkeiten zur Verfügung stehen.

Es ist fatal: Das Wohl des Kindes wird von all denjenigen, die an den Entscheidungshebeln sitzen, jeweils unterschiedlich definiert. Die einen argumentieren, dass Kinder in einer Krippe viel mehr lernen können als zu Hause bei Muttern. Für die anderen ist klar: Nur bei Mutti kann ein kleines Kind gut betreut werden. Dieser Streit ist ideologisch befeuert und geht am Wohl des Kindes eindeutig vorbei. In einer Krippe, die gut ausgestattet ist, können unter Dreijährige in einer behüteten Atmosphäre und liebevoll umsorgt sehr gut gefördert werden. Sie lernen soziale Kompetenz und Selbständigkeit sozusagen spielend. In einer Krippe, die unter Personalmangel leidet und in der überanstrengte, unmotivierte, schlecht ausgebildete und mies bezahlte Fachkräfte arbeiten, die vielleicht von Praktikant_innen unterstützt werden, ist diese frühe Förderung sicher nicht in dem Maße möglich. Und wenn Eltern ihren Kindern verständlicherweise so eine Betreuung nicht zumuten wollen, gibt es 100 Euro Betreuungsgeld als Alternative für diese Misere. Anstatt an dieser Misere etwas zu ändern!

Beim Wohl des Kindes geht es also erst einmal um Geld. Denn Qualität kostet Geld – und dieses Geld wäre vorhanden, wenn man es anders umverteilt. Die Ausbildung der Erzieher_innen dauert fünf Jahre. Am Ende kann sich beispielsweise eine ausgebildete Erzieherin das Leben in einer Großstadt mit einem Vollzeitgehalt kaum leisten. Das ist der eigentliche Skandal!
Und wenn wir über Qualifizierung sprechen: Warum findet die Ausbildung nicht an einer Hochschule statt, wenn die ganz frühen Jahre für ein Kind die entscheidenden sind? Die skandinavischen Länder sind uns diesbezüglich um Längen voraus, kein Wunder, dass sie auch später in den PISA-Tests die Nase vorn haben. Und warum? Weil sie der frühen Bildung und Erziehung von Kindern einen ganz anderen Wert beimessen. Weil sie sich entschieden haben, in die wertvolle Ressource eines Landes, nämlich in die Kinder zu investieren. Der Lehrberuf genießt in diesen Ländern hohes Ansehen und die Gesellschaft ist den Pädagog_innen dort dankbar.

Und hier? Hier zücken die ersten Eltern wahrscheinlich schon die Bleistifte, um den Brief ans Gericht vorzubereiten, in dem sie ihren Krippenplatz einklagen – in der Hoffnung, dass sie ein Platz in einer Einrichtung ergattern, die gut ausgestattet ist und in der sich ihr Kind wohl fühlt. Und viele Eltern sind einfach nur froh, wenn sie endlich einen Platz haben, denn wie sollen sie sonst zur Arbeit gehen?

Was das Ganze mit Regenbogenfamilien zu tun hat? Na, alles. Wir haben schließlich Kinder, für die wir eine kompetente und liebevolle Betreuung suchen.

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