Gegenwind

Manchmal möchte ich bestimmten Ärgernissen einfach keinen Raum geben, d.h. ich berichte nicht immer gleich über Menschen, die sich homophob äußern und damit Beachtung in viel gelesenen Zeitungen bekommen.

Leider muss ich jetzt doch die unsägliche Petition gegen die Pläne des Landes Baden-Württemberg kommentieren. Das diesbezüglich mustergültige  Bundesland will in seinem Bildungsplan 2015 die Akzeptanz sexueller Vielfalt fest verankern. Und nun regt sich dagegen Widerstand  – im Stil von „Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in der Schule zu Homos umerzogen werden“. Der Bildungsplan gehört zum Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“.

Nun kann man sagen, dass es in Zeiten des Internets einfach ist, eine elektronische Petition zu starten und damit mal eben viele Tausend Unterschriften zu sammeln. Auf den ersten Blick sollte man diese basisdemokratische Aktion auch nicht allzu ernst nehmen. Es stellt sich allerdings die Frage, warum dieses Ärgernis so viel Öffentlichkeit bekommt und es bis in die „Tagesthemen“ schafft.

Das Thema „sexuelle Identität“ berührt noch immer ein Tabu. Wenn eine Gruppe von Menschen jahrhundertelang totgeschwiegen wurde und nur im Verborgenen lieben durfte, dann prägt dieses Verbot viele Generationen. Fortschrittliche Gesetze gehören zu den wichtigsten Schritten auf dem Weg zur völligen Akzeptanz vielfältiger sexueller Identitäten. Aber was sich im Kopf dieser von Millionen homophob geprägten Menschen abspielt ist hochkompliziert und wie lange es dauert, unbestimmt wabernde Ressentiments gegenüber „Anderslebenden, Andersliebenden, Andersaussehenden, Anderssprechenden“ aufzulösen – das ist ein Prozess, der wahrscheinlich nie ganz erfolgreich sein wird.

Denn es wird immer Menschen geben, die sich schnell von der Moderne bedroht fühlen. Die unsicher sind und Angst haben, ob ihr Lebensentwurf eigentlich für sie der richtige ist. Und für die ein strenges und einfaches Arrangement, was richtig oder falsch ist, als Orientierung zum Leben dazugehört. Dazu gehört ein Bild, wie ein Mann oder eine Frau zu lieben haben oder wie eine Familie auszusehen hat. Und es geht um Macht, wie wir in ihrer pervertiertesten Form in Russland gezeigt bekommen. Putin braucht die Kirche, um seine Macht zu festigen. Also sucht er sich ein  Thema aus, mit dem er garantiert dort punkten kann.

Doch zurück nach Deutschland. Die LGBTQI Community kann auf beachtliche Erfolge zurückblicken. Die ärgerliche Petition zeigt einen ganz logischen Mechanismus. Werden einer so genannten Minderheit langsam aber sicher einfach nur die gleichen Rechte auf gesellschaftliche Sichtbarkeit und Teilhabe zugestanden, regt sich Widerstand.
Hinzu kommt: Die Schule ist nach wie vor ein Ort, an dem Homophobie in Form von Totschweigen und/oder Schulhofgegröle toleriert wird. Und gleichzeitig ist der Kosmos Schule einer der wichtigsten Sozialisationsorte und hat, wie schon auf RFN dargelegt, damit eine Schlüsselposition in der ganzen Debatte. Es bleibt also spannend, wie die Sache mit dem schwäbischen Bildungsplan weitergeht. Auf jeden Fall kann sich z.B. Bayern ein Beispiel an diesem Plan nehmen!

Wir sollten aufmerksam sein und natürlich die Gegenpetition unterschreiben. Der gesellschaftliche Fortschritt geht auf jeden Fall weiter.

 

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