Es ist nicht immer alles gold …

Als Mutter einer Tochter im Teenageralter passiert es plötzlich, dass ich diesem großen Kind – wait a minute – das ist doch kein Kind, das ist schon eine Jugendliche – gegenübersitze und mich frage: Huch, wie ist das denn passiert? Wieso ist denn dieses große Wesen plötzlich ein Teenager?
Komisch, einerseits ist das Ganze sehr schnell passiert und andererseits gab es immer wieder Momente, in denen sich die Zeit unendlich zog. Zum Beispiel als die Magenklappe des süßesten Babys der Welt noch nicht richtig schloss und meine BH und ich das kleine Wesen unendlich oft am Tag umziehen mussten. Oder früh morgens gegen 4.30 Uhr, wenn T.s durchbrechende Zähnchen leider die ganze Familie um den Schlaf brachten und nur unzählige gesungene Strophen von „Hey, Pippi Langstrumpf …“ irgendwann noch das ersehnte halbe Stündchen Schlaf zuließen. Oder die langweiligen Stunden auf dem Spielplatz, eine nicht funktionierende Bastelarbeit, das Kapitel „Blätterformen“ im sonst interessanten Heimat- und Sachkunde-Unterricht, das Eltern mit ihren Kindern einfach noch einmal mitlernen dürfen. Aber sonst? An Vieles erinnere ich mich nicht mehr. Woran das liegt? Ich glaube, mit Kindern, egal, wie alt sie sind, ist man stets im Hier und Jetzt gefordert. Was vorbei ist, ist vorbei und lässt sich nur noch per Foto aus dem Gedächtnis zaubern. Ich weiß, dass das Projekt „Familie“ bis hierher ein riesiges Abenteuer und mit das Spannendste war, was ich mich je in meinem Leben getraut habe, anzupacken. Ja, eine große Bereicherung, eine unendlich große Herausforderung, angereichert mit Gelächter, Geschrei, Sorgen, Zärtlichkeit und so viel Liebe, Liebe, Liebe.
Worüber wir selten bis nie mit anderen gesprochen haben, z.B. wenn wir dachten, dass wir das Ganze nicht schaffen? Themen gab es einige:
Wieso kann ich das Kind nicht beruhigen, warum gelingt dir das besser?
Wie? Daaas hast du erlaubt, ich dachte, wir hätten ausgemacht, dass ….
Bitte, ich muss heute ins Kino gehen, ich habe einen Hüttenkoller. Bleibst du zuhause?

Tja, und manchmal ist dann die Stimmung nicht gerade gold.
Ich glaube, dass eine Familiengründung eine unglaubliche Grenzerfahrung sein kann. Der Übergang von der Zweisamkeit in die Drei- oder Viersamkeit will gelernt sein, das geht nicht einfach so von selbst. Der lesbische Lebensentwurf kann die größtmögliche Autonomie bedeuten, alles ist verhandelbar, Nähe, Kommunikation, Partnerschaft. Davon ist mit einem Baby nichts mehr übrig. Das Kind steht immer an der ersten Stelle. Das muss so sein, das soll so sein. Zumindest in den ersten Jahren.
Und damit nicht die Isolation droht, sind nicht nur die (Regenbogenfamilien-)Netzwerke wichtig, sondern auch ein Netz an Babysitter_innen. Auch wenn eine Menge Geld des Haushaltsbudgets in diesen Posten fließt: Es lohnt sich. Es ist so unendlich wichtig, ein Paar zu bleiben und nicht nur Eltern zu sein, Zeit zu zweit zu verbringen und zwar regelmäßig.
Manchmal gibt es auch Situationen, in denen eine professionelle Begleitung gut täte. Die Erziehungs- und Familienberatungsstellen sind genau dazu da, Eltern zu unterstützen, zu entlasten und Familien zu helfen,  wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Mittlerweile kann man dort eine kompetente Beratung erwarten – Regenbogenfamilien sind einfach nicht mehr eine singuläre Attraktion, sondern ein Familienmodell unter vielen Familienformen.
Wenn es knarzt und knirscht in der Regenbogenfamilie: Holt euch Unterstützung. Seid selbstbewusst und fordert einen selbstverständlichen Umgang ein. Manchmal sind ein paar Sitzungen schon so hilfreich, dass wieder Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird. Ja, Regenbogenfamilien stehen unter Beobachtung. Ja, und? Sich Hilfe holen, wenn es kriselt ist nicht etwa ein Versagen – nein – es handelt sich hierbei um eine besondere Kompetenz, die das Eltern- und Kindeswohl in den Mittelpunkt stellt!

 

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