Buchtipp: Andrew Solomon „Weit vom Stamm“

In den Ferien konnte ich, BH (= bessere Hälfte), endlich ein Buch fertig lesen, dass mich begeistert hat wie selten eines: Auf 962 Seiten (englische Ausgabe) erzählt Andrew Solomon von Familien, in denen die Kinder anders sind, als die Eltern es erwarteten, der Apfel also weit vom Stamm fiel. In einzelnen Kapiteln, die nicht nacheinander gelesen werden müssen, geht es um: Gehörlosigkeit, Kleinwüchsigkeit, Down Syndrom, Autismus, Schizophrenie, Mehrfachbehinderung, Hochbegabung, Kinder, die aus einer Vergewaltigung hervorgingen, Kinder, die kriminell werden, Transgender-Kinder. Harte Kost, wenn man das so auflistet, harte Kost, was den Alltag vieler der geschilderten Familien angeht, aber das Buch nimmt eine mit einer so tiefen und klugen Menschlichkeit ein, dass man nicht mehr die selbe ist wie vor dem Lesen.
Das Buch beginnt mit einem Kapitel, das „Sohn“ heißt. Darin erzählt Solomon von seinem Aufwachsen, von der Entdeckung seiner „horizontalen Identität“ als schwuler Mann. Die Begriffe sind spannend: Unter „horizontaler Identität“ versteht er Eigenschaften, die jemanden nicht mit den eigenen Eltern, der eigenen Familie verbinden, sondern mit anderen Menschen, die eben diese Eigenschaften teilen. Oft geht es hier um gesellschaftlich und familiär unerwünschte Eigenschaften. Im Gegensatz dazu werden „vertikale Identitäten“ in der Familie, also von Eltern an die Kinder, weitergegeben und gelten in der Regel als „gute“ Identitäten: Dazu gehören z.B. ethnische Zugehörigkeit, Sprache, Religion … Aus der eigenen Betroffenheit einer horizontalen Identität und dem Erleben der enormen Befreiung, die im Annehmen derselben besteht, nähert er sich den oben genannten horizontalen Identitäten und findet auch dort, bei allen Schwierigkeiten, viel Beglückendes. Er sagt über die 10-jährige Arbeit an diesem Buch, das auf über 300 Interviews und Familien-Portraits basiert: „Als ich mit diesem Buch anfing, wusste ich, dass ich auf viel Verzweiflung stoßen würde. Was ich nicht erwartet hatte, war, wie viel Freude mir begegnen würde.“ Er lotet die Eltern-Kind-Beziehung, diese ganz besondere Liebe so aus, dass er das Buch mit einem Kapitel „Vater“ beendet: „Ich begann dieses Buch, um meinen Eltern zu vergeben und beendete es, indem ich selbst ein Elternteil wurde.“ Und dies auf drei verschiedene Regenbogenfamilienarten. Aber lest selbst!

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